Was die Temperatur angeht, ist der menschliche Körper sehr empfindlich. Eine Unterkühlung tritt bereits bei kleinen Schwankungen der Heizung „Körper“ auf. Normalerweise liegt die Körperkerntemperatur bei 37 Grad, steigt sie nur um zwei Grad, erleben wir ein ausgewachsenes Fieber mit deutlichen Ausfallerscheinungen. Sinkt sie um zwei Grad, auf 35 Grad, erleben wir eine merkliche Unterkühlung.

Bei extrem tiefen Temperaturen geschieht das recht schnell. Eine gesunde Person, die nicht richtig gekleidet ist – aber auch nicht nackt herumläuft – kommt in nur 10 Minuten in den Bereich der Unterkühlung. Sinkt die Temperatur auf minus 40 bis 45 Grad Celsius kann eine Unterkühlung sogar schon nach nur 5 bis 7 Minuten einsetzen. So etwas passiert schnell. Etwa, wenn Personen gezwungen sind, ihr Auto zu verlassen, obwohl sie keine Schutzkleidung dabei haben.

Unterkühlung lähmt das Denken

Das Gefährliche dabei: Es ist nicht nur die Muskulatur, die leidet. Der Rückgang der Körpertemperatur führt dazu, dass wichtige Organe, darunter auch Herz und Gehirn, nicht richtig arbeiten. Der Körper kommt in einen Schockzustand. Sinkt die Kerntemperatur nur um zwei Grad in den Bereich einer leichten Unterkühlung, dann treten Symptome wie Schwäche, Zittern und geistige Verwirrung auf.

Bei weiterer Abkühlung verschärfen sich diese Symptome. Sinkt die innere Temperatur auf 21 Grad, tritt der Tod ein. Bei Personen mit Herzschäden kann das weit früher geschehen. Andererseits haben auch einzelne Menschen eine noch tiefere Abkühlung überlebt. Ein großes Problem: Die Betroffenen ermatten weit vor dem Eintritt des Todes, ihnen fehlen die Kräfte, der Herausforderung entgegenzutreten. Sie ergeben sich in ihr Schicksal. Der Hirntod tritt bei Unterkühlung spät ein, das Gehirn überlebt länger, weil der Stoffwechsel verlangsamt abläuft.

Schutz der Organe hat Priorität

Mit Zittern und dem Verlagern des Blutes in den Kern versucht der Körper, der äußeren Kälte entgegenzuwirken. So verhindert er das Erfrieren des Organismus. Solange man sich nicht verirrt oder in der Wildnis von der Kälte überrascht wird, kommt es selten zum Kältetod. Aber um die Organe im Körperkern zu schützen, wird die Durchblutung der Peripherie herabgesetzt.

Erfrierungen passieren daher relativ schnell. Finger und Zehen sind besonders anfällig für Erfrierungen, da in diesen Bereichen die Durchblutung stark reduziert wird. Die Füße sind zwar durch die Schuhe geschützt. Bei Anstrengungen schwitzen sie aber stark, diese Feuchtigkeit führt zu einer verstärkten Auskühlung. Darum sind Zehen so gefährdet.

Ob man eine Erfrierung erleidet, hängt von der Temperatur und der Auskühlung durch den Wind ab. Bei minus 18 Grad und einem Windchill (der erhöhte Wärmeverlust durch Windgeschwindigkeit) von minus 28 Grad, kann es bereits in 30 Minuten zu einer Erfrierung kommen, so der Nationale Wetterdienst der USA. Bei minus 26 Grad und einem Windchill von minus 48 Grad geschieht das in nur fünf Minuten.

Erfrieren bei Plus-Graden

Weniger bekannt ist, dass ein Mensch auch erfrieren kann, wenn es gar nicht besonders kalt ist. In extremer Kälte ist die Luft stets trocken. Doch bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt kann der Körper mit Feuchtigkeit und Kälte konfrontiert werden. Im Wasser verliert der Körper 25 Mal schneller Wärme als in der Luft, so Michael Sawka, Leiter der Abteilung Thermal- und Berg-Medizin des U.S. Army Research Institute of Environmental Medicine. Regen, aber auch Schweiß führen zu einem ähnlichen, wenn auch schwächeren Effekt. Neben der stärkeren Ableitung durch das Wasser kommt hinzu, dass die durchnässte Kleidung meist ihren Isolationseffekt verliert. So kann es schon bei Temperaturen von fünf Grad plus zu Unterkühlungen und eventuell sogar zum Tod kommen.

Wieso erfrieren Menschen in Deutschland

Jeder versteht, dass man erfrieren kann, wenn mitten in Sibirien der Wagen liegen bleibt und man zu Fuß weiter muss. Oder dass so etwas im Gebirge geschehen kann, wenn sich Tourengeher im Schneesturm verirren. Im arktischen Schneesturm haben schon Menschen die Orientierung verloren, die nur 50 Meter von einem Gebäude zum anderen gehen wollten.

Doch die Ursachen in unseren Breitgraden sind meist ganz andere. Obdachlosigkeit dürfte der Hauptrisikofaktor sein. Wer im Freien oder nur notdürftig geschützt übernachtet, kann während der Nacht an Unterkühlung sterben. Da der Prozess keine Schmerzen verursacht, wachen die Betroffenen nicht einmal auf. Schlechte körperliche Kondition erhöht das Risiko noch. Hinzu kommt, dass Obdachlose, die keine Schutzeinrichtung besuchen, auch keine Möglichkeit haben, feuchte Kleidung und Decken zu trocknen.

Ein weiter Risikofaktor ist Alkohol – die körperlichen Einschränkungen durch den Alkoholgenuss werden schon durch eine leichte Unterkühlung massiv verstärkt. Hier kann es durchaus passieren, dass ein Betrunkener auf einer Bank sitzen bleibt, einschläft und schließlich stirbt – obwohl die rettende Wärme vielleicht nur hundert Meter entfernt ist.

Welche Kleidung hilft?

Richtige Kleidung trotzt auch arktischer Kälte. Das militärische Institut von Michael Sawka empfiehlt, drei Kleidungsschichten zu tragen– eine Schicht, die Feuchtigkeit von der Haut abführt, eine isolierende Schicht und eine Schutzschicht, die Wind und Regen fernhält. Dazu solle man isolierte Stiefel tragen, da Füße und Zehen einem hohen Erfrierungsrisiko ausgesetzt. Ein Schal oder eine Gesichtsmaske sind ebenfalls zu empfehlen.

Das hört sich einfach an, doch nur die wenigsten halten sich daran. Meist wird angemessene Kleidung mit ganz ungeeigneten Stücken kombiniert. Ein dicker Mantel allein hilft wenig, wenn dazu Unterwäsche aus Baumwolle, Büroschuhe und einer normale Stoffhose getragen werden.

Quellen: Sustaining Health and Performance in the ColdLive Science

Quelle:  www.stern.de