Kleinostheim, Landkreis Aschaffenburg, ein Reihenhaus. Max Rinneberg empfängt an einem Holztisch in der schlichten Küche zum Gespräch. Seine ganze Kindheit hat er in diesem Haus verbracht, und doch war es ihm lange fremd geworden, nachdem er am 25. Oktober 2008 auf dem Dorfplatz seines Heimatorts an einer Treppe gestürzt und auf den Kopf gefallen war. Die Diagnose: „retrograde Amnesie“ – Gedächtnisverlust. Neben ihm nimmt seine Schwester Christina Platz. Rinneberg bezeichnet sie als eine der wichtigsten Bezugspersonen auf dem Weg zurück in eine Welt, die nicht mehr seine gewesen ist. Sogleich beginnt bei Tisch das Gefrotzel zwischen den Geschwistern.

Christina, Sie wirken sehr vertraut mit Ihrem Bruder. Wie lange hat es nach dem Unfall gedauert, bis Sie diese Verbundenheit wieder gespürt haben?

Christina: Meine größte Angst war, dass wir uns nicht mehr so gut verstehen und dass er vielleicht gar nichts mehr mit uns zu tun haben will, er uns nicht mehr mag. Meine Mutter und mich hat diese Zeit noch enger zusammenwachsen lassen. Wir mussten eine Einheit bilden, ihn auffangen, ihm aber auch Freiraum geben. Immer stark zu sein vor ihm war nicht einfach. Früher habe ich schon oft gesagt: Ich hätte gerne meinen alten Max zurück. Aber: Ein ganz tiefes Gefühl für ihn war trotz allem immer vorhanden.

Max, wie lange hat es bei Ihnen gedauert?

Max (zögert und überlegt): Zwei, drei Jahre.

Christina: Für mich war das Schlimmste zu erkennen, dass du nicht mehr weißt, wie viel wir früher miteinander gemacht haben in der Kindheit – wie eng wir waren. Du konntest das nicht so fühlen wie ich. Wir mussten dir vorleben, was Familie heißt. Das hat mich irritiert und erschrocken. Wir waren für dich ja fremd – und du für uns auch.

Diese Erkenntnis muss für Sie beide ein Schock gewesen sein.

Max: Zunächst fühlte ich mich beim Aufwachen nach dem Unfall im Krankenhaus wie auf einer Wolke, frei, schwebend. Ich hatte den Eindruck, komplett frisch zu starten, wie ein Baby. Langsam nahm ich wahr, wo ich war: Der Körper arbeitet, jetzt geht es langsam los. Dann – puff – geplatzt, diese Seifenblase, als ich gesehen habe, dass ich zu groß bin für ein Baby.Erinnerungsverlust Kombo 2

Was passierte dann?

Ich fühlte mich im Aufwachraum allein und erwartete eine Mutter. Dann traten eine Frau und ein Mann ein …

… Ihre Mutter samt Lebensgefährten Thomas …

Max: … die Frau nahm meine Hand und fragte, wie es mir gehe. Ich habe sie gefragt: ‚Wer bist du?‘ Da hat sie angefangen zu weinen und gesagt: ‚Deine Mutter.‘

Sie erinnerten sich an nichts: nicht an den Unfall, nicht an Ihren Namen, Ihre Eltern, Ihre Schwester, Ihre Vergangenheit. Warum haben Sie sich dennoch damals auf Ihre Familie eingelassen?

Max: Es kam ja keine zweite am nächsten Tag. Da habe ich für mich entschieden, wenn sie wieder da sind und sie sich alle solche Sorgen machen – das war ja an den Gesichtern abzulesen –, dann vertraue ich mal darauf, dass es so sein wird. Ich erkläre mir das wie bei einem Küken, das schlüpft und das erste Lebewesen, das es sieht, als seine Mutter wahrnimmt. Was sollte ich auch sonst tun? Ich war völlig hilflos. So hatte ich wenigstens ein paar, die mich an die Hand nahmen.

Was noch funktionierte, war offenbar Ihr Bewusstsein: Ich habe ein Problem, ich weiß nicht, wer ich bin. Diese Menschen sind meine Chance.

Max: Gott sei Dank. Es wäre schlimm gewesen, wenn das auch weg gewesen wäre. Ich war auch froh, dass ich noch sprechen, schreiben und lesen konnte.

Wie erlebten Sie die ersten Stunden mit Ihrem neuen Bruder, Christina?

Christina: Alles war von einer Sekunde auf die andere anders. Am Tag nach dem Unfall erzählte mir meine Mutter: Er weiß gar nichts mehr. Da ich erst nachmittags ins Krankenhaus ging, hatte ich noch Zeit, mich darauf einzustellen. Ich habe mir gar nicht so viele Gedanken gemacht, ich dachte, es kommt ja alles wieder. Das sagten die Ärzte ja auch anfangs.

Sie hatten sich in jener Nacht um Max gekümmert, als er an einer einfachen Stufe auf dem Marktplatz bei einer Feier gestürzt war. War Ihnen gleich bewusst, dass etwas nicht stimmte?

Christina: Ich dachte, er habe sich nur das Knie gestoßen, hyperventiliert und einen Schock davongetragen. Es stand für mich nie im Raum, dass es bleibende Schäden geben könnte.

War er ohnmächtig, als Sie ihn fanden?

Christina: Nein, er zog sich gerade am Geländer hoch. Er sagte mir, dass ihm sein Knie und sein Kopf wehtäten. Ich schaute mir das Knie an und sah ihm gar nicht in die Augen. Dann aber, als er mich plötzlich am Oberarm packte, herumriss und schrie, was mir einfalle, ihn anzufassen, erschrak ich. Er war blass und zitterte und starrte mich mit riesigen Augen an. ‚Was stellst du dich jetzt so an?‘, hab ich ihn gefragt, ‚ich bin’s, Christina.‘ Die Sanitäter sagten, Max habe einen Schock, er solle mitkommen und sich nicht so anstellen.Erinnerungsverlust Kombo 3

Alles sah halb so wild aus?

Christina: Ich dachte, er ist nur desorientiert.

Max: Die Ärzte im Krankenhaus sahen meine Symptome und den Gedächtnisverlust als Schutzfunktion des Gehirns an, um den Unfall und die Schmerzen zu verdrängen. So etwas gebe es immer wieder mal, das gehe auch wieder weg, hieß es.

Stattdessen fuhren Sie etwas später aus der Klinik mit einer Ihnen fremden Familie in ein fremdes Haus in einer fremden Stadt. Wie ging es Ihnen damit?

Max: Ich habe versucht, an das alte Leben anzuknüpfen, wenn es wiedergekommen wäre, wäre ja auch alles gut gewesen. Aber ich erkannte nichts und erinnerte mich an nichts. Ich war ratlos, unsicher, verzagt. Wo ist mein Zimmer? Das sollen meine Klamotten sein? Was, ich lerne Steuerfachgehilfe und trainiere für Marathons? Hier bin ich zur Schule gegangen? Und das sind meine Oma und meine Cousins? Meine Familie hat mir Fotoalben gezeigt, aber das war schwer für mich. Das kann ich bis heute nicht gut aushalten: Ich sehe mich auf den Fotos, aber ich fühle nichts, ich habe keine Verbindung zu der Situation von damals.

Was mussten Sie alles neu lernen?

Englisch. Geografie – Hamburg, Frankfurt, München, London. Geschichte. Zweiter Weltkrieg. Auch den Ersten. Ich dachte, wenn es einen Zweiten Weltkrieg gibt, muss es ja auch einen Ersten gegeben haben.

Hatten Sie die Grundlagen des täglichen Lebens noch drauf – Körperhygiene, wie man sich rasiert?

Max: Ja, das motorische Gedächtnis war noch da. Wie man duscht, wie man sich die Schuhe bindet. Wir wussten auch nicht, ob ich noch schwimmen kann. Das haben wir einfach ausprobiert: hat geklappt. Auch, wie Fahrradfahren geht, das war noch da.

Sie müssen mit Ihren Lücken in der Ausbildung an Grenzen gestoßen sein.

Max: Das passierte immer wieder, weil die Grundlagen fehlten. Dreisatz war in meiner Ausbildung als Versicherungskaufmann, die ich später machte, ganz wichtig. Und Flächenberechnung, für die Wohngebäudeversicherung. Das musste ich dann wieder ganz neu lernen. Christina hat mir alles gezeigt und beigebracht.

Christina: Ich arbeite ja in einer Bank, das hat gepasst.

Max: Englisch habe ich an der Volkshochschule gelernt, drei Monate lang, drei Tage die Woche, jeweils zwei Stunden. Für den normalen Gebrauch reicht es.

Mussten Sie Geschmack neu lernen?

Max: Ja, in jeder Hinsicht, da musste ich alles ausprobieren und mich rantasten. Wie Pommes schmecken, wusste ich nicht mehr. Schweinshaxe, die ich vorher nie angerührt habe, mochte ich plötzlich. Die Klamotten, die im Schrank hingen, habe ich größtenteils aussortiert: viele T-Shirts und Hosen und Sportsachen. Dem Typ haben die Sachen wohl gefallen, mir aber nicht.

Der Typ, so sprechen Sie über Ihr früheres Ich?

Max: Ja, das steht für den alten Max.Erinnerungsverlust Kombo 4

Wie sind Sie mit dem neuen Max daheim umgegangen, Christina?

Christina: Als er nach Hause kam, wollten wir ihn nicht überfordern. Es war eine Art Pingpongspiel: Wie reagiert er, wie reagieren wir? Man hat schon gespürt, dass er anders ist, allein schon weil er vorsichtiger und zurückhaltender als vor dem Unfall war.

Max: Ich habe anfangs viel beobachtet und wenig gesagt. Sie haben mir viel Liebe gegeben, aber ich konnte es nicht annehmen. Es waren zu viele unbekannte Emotionen auf einmal. Ich konnte es nicht einordnen, ich konnte anfangs nur zwischen gut und nicht gut entscheiden.

Was heißt das?

Max: Ich konnte nicht zwischen Freude, Liebe, Glück, Zuneigung oder Abneigung, Hass, Wut unterscheiden, diese Differenzierung konnte ich nicht leisten. Christina hat mir geholfen. Später, als es mir besser ging und ich Frauen kennenlernte, habe ich auch oft meine Schwester nach ihrer Meinung gefragt.

Christina: Max fehlte anfangs das Gefühl für die Menschen, die Menschenkenntnis. Und da habe ich auch mal gesagt, wenn er ein Mädel kennengelernt hat: Hör doch noch mal in dich rein, die passt doch gar nicht zu dir.

Das klingt, als seien Sie auch von Ihrem emotionalen Gedächtnis und Ihren wahren Gefühlen zunächst abgeschnitten gewesen.

Max: Ich fühlte eine große Leere, die mich in den ersten vier, fünf Jahren begleitet hat.

Wie muss man sich diese Leere vorstellen?

Max: Wie ein Glas voll mit Nebel. Wenn man ganz langsam Wasser reinschüttet, geht der Nebel raus.

Das Wasser – das waren neue Interessen und Erfolgserlebnisse?

Max: Ja. Aber am Anfang funktionierte das gar nicht. Erst einmal bin ich an meine alte Lehrstelle zum Steuerfachgehilfen zurückgekehrt. Aber damit konnte ich nichts mehr anfangen. All die Zahlen und Tabellen! Das schien mir unendlich trocken zu sein. Das Lauftraining fand ich langweilig. Ich ging wieder zur Schule, begann ein Jahr nach dem Unfall eine Ausbildung in einer Versicherung, traf alte Freunde, aber irgendwann wurde die Leere riesengroß. Nichts passte mehr.

Sie hatten den alten Max verloren und den neuen noch nicht gefunden?

Max: Das trifft es.

Litten Sie unter Depressionen?

Max: Ja, das dauerte vier bis fünf Jahre. Die ersten zwei Jahre war ich permanent depressiv, teilweise so schwer, dass ich plante, Suizid zu begehen.Schwester erkennt Frau mit Amnesie auf Facebook

Wie ernst war es Ihnen damit?

Max: Ein Jahr nach dem Unfall war es ein konkreter Plan. Da lag ich tagelang nur im Bett und hatte in einer Übergangszeit zwischen einem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik und zu Hause zwei Monate lang keinen Psychotherapeuten. Ich sah nirgends einen Ausweg und hatte keine Kraft, etwas dagegen zu tun. Ich wollte es mir selbst nicht eingestehen und sprach nicht darüber. Es war mir peinlich.

Christina: Ich habe gemerkt, dass etwas nicht stimmt, dass ihn etwas bedrückt und es ihm schlecht geht. Es war schwerer, mit ihm in Kontakt zu kommen. Das war belastend. Aber ich dachte, das gehört ja auch dazu, dass man mal weiter voneinander entfernt ist, dass Max sich von den Eltern und der Familie abnabelt.

Max: Zu entscheiden, zu gehen, fiel mir erstaunlich leicht. Das kann ich heute auch nicht mehr verstehen. Die Gedanken sind immer präsent gewesen: Das wäre jetzt eine Möglichkeit, rauszukommen aus der ganzen Sache. Wie wäre es, wenn du dich einfach vor den Bus fallen lässt?

Warum sind Sie den Weg letztlich nicht gegangen?

Max: Hat nicht geklappt, sagen wir es so. Fast wäre es endgültig gewesen. Niemand hat das mitgekriegt. Ich hab das mit mir selbst ausgemacht und dann mit meiner Psychotherapeutin gesprochen. Heute weiß ich, dass es immer einen Ausweg gibt.

Christina: Wie schlecht es ihm ging, das habe ich erst viel später erfahren.

Max: Ich war in einem Kokon gefangen. Ich habe die anderen nicht gesehen, ich habe nichts gespürt, nichts kam an mich heran.

Wer hat Ihnen geholfen?

Max: Meine Therapeutin. Sie hat ein Mini-Loch in den Kokon geschlagen, in dem ich steckte. Ich lernte zu akzeptieren, dass meine Erinnerung nicht wiederkommen würde, ich die Situation annehmen muss. Dadurch flossen wieder Wärme und Energie, sodass ich die Kraft bekam, mich selbst zu befreien.

Was war das kleine Loch im Kokon?

Max: Ich begann bei meiner Therapeutin mit Selbsthypnose, wir machten eine Reise zu einem inneren Wohlfühlort. Bei mir war das eine Insel mit zwei Bergen, das war mein neuer Zufluchtsort, eine erste Heimat in mir. Da bin ich immer wieder hin. Bis heute ist dies der gleiche Ort geblieben. Dazu kam eine Gesprächstherapie, ihr Blick auf meine Gefühle. All das hat mich verstehen lassen, dass ich nicht allein bin. Sie hat mir gezeigt, dass ich nur den Blickwinkel ändern muss, um diese Menschen zu sehen und zu spüren. Sie war genau die richtige Person, das war eine Kindertherapeutin. Mit Kuscheltieren, allem.Mann wacht auf und kann sich nicht an seine Frau erinnern_11.42

Christina: Ja, das passte (lacht).

Max: Ich war ja gefühlt ein Kind, aber mit den Kuscheltieren haben wir dann doch nicht gearbeitet.

Sie schafften es also, den Nebel zu verdrängen?

Max: Ich begann ganz allmählich wieder, mich zu öffnen für die Familie und zuzuhören, abzuschauen, zu kopieren und das Gelernte selbst auszuprobieren, dazu kamen neue Erfolgserlebnisse.

Was taten Sie konkret?

Max: Ich half wieder im Alltag zu Hause mit. Ich hörte meiner Schwester zu und versuchte, auch mal für sie da zu sein. Ich entwickelte nach und nach meine eigenen neuen Vorlieben, ging in die Gastronomie, ich entdeckte den Genuss: gute Weine, Zigarren, ich löste mich aus der alten Clique, traf Menschen mit den gleichen Interessen, und die wurden Freunde. Und ich fand meinen eigenen Klamotten-Stil: eine Mischung aus klassisch und extrovertiert. Bunte Schals, Tücher oder Fliegen.

Sie wurden allmählich stabiler?

Max: Ja, aber es war ein Prozess. Da war noch immer diese Lücke, die mit Jugend gefüllt werden musste. Ich arbeitete fünf Jahre nach dem Unfall in einem Fliesengeschäft, bediente nebenbei in einer Bar. In der Zeit habe ich meine Grenzen ausgetestet: Wie viel kann ich arbeiten, wie schnell kann ich Auto fahren, wie viel kann ich trinken? Da kam ich auf 80, 90 Arbeitsstunden pro Woche. Es gab Phasen, in denen habe ich von Donnerstagabend bis Sonntagmorgen so gut wie nicht geschlafen.

Sie haben sich mit Arbeit betäubt?

Max: Ich hatte die Sorge, ich verpass was. Manchmal habe ich in der Bar mehr getrunken als andere. Weil es Spaß gemacht hat – aber auch, um mich zu betäuben, um die Leere, den Schmerz nicht mehr zu spüren. Wenn ich so weitergemacht hätte, hätte die Gefahr bestanden, irgendwann zum Alkoholiker zu werden.

Wie sind Sie da rausgekommen?

Max: Indem ich mir irgendwann gesagt habe: Es gibt mehr Tage in der Woche ohne Alkohol als mit.

Was ließ Sie durchhalten, wenn das Verlangen da war?

Max: Mein Behauptungswillen sagte mir: So bist du nicht. Ich habe mich selbst nicht mehr gemocht, wenn ich zu viel getrunken hatte. Da war ich manchmal ein Arschloch, arrogant, selbstverliebt, schlimmer als Donald Trump.Amnesie Einklinker

Christina (grinsend): Und du hast schlimm getanzt!

Sind Sie in den vergangenen Jahren einmal einem ähnlichen Fall wie dem Ihren begegnet?

Max: Ja, in einer Amnesie-Selbsthilfegruppe in Bielefeld. Da habe ich einen Briten kennengelernt, der in der Armee war. Nach einem Unfall in Afghanistan war sein Gedächtnis bis zur frühen Kindheit gelöscht.

Christina, welcher Max ist eigentlich sympathischer?

Christina: Ich habe den neuen Max lieben gelernt, sodass ich heute nicht mehr vergleiche. Er war früher ja ein ganz anderer Typ.

Max: … Wolfgang Petry in Jung …

Christina: … er war ruhig, der stille Beobachter, eher …

Max: …langweilig, sag es ruhig …

Christina: … Listen schreiben, Fakten sammeln, Pro und Kontra abwägen. Am besten nicht raus aus Kleinostheim. Heute ist er extrovertiert, ein Magnet, um den sich alle scharen. Durch das, was er alles ausprobiert hat, ist er immer noch mein großer Bruder. Aber dadurch, dass ich ihn nach dem Unfall an die Hand genommen habe, ist er auch mein kleiner Bruder. Ich mache mir immer noch Sorgen, wenn er unterwegs ist.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie eine neue Identität entwickelt haben und wussten, wo Sie hingehören?

Christina (nachdenklich): Ich glaube, er muss sein neues Leben noch finden.

Max: Das war in diesem Frühjahr. Das letzte Mosaiksteinchen, das ich brauchte, war, zu wissen, wo die Heimat ist. Ich war drei Jahre weg, am Bodensee, Osttirol, Salzburg, habe als Sommelier oder Barchef in Restaurants und Hotels gearbeitet. Eigentlich sollte Kleinostheim nur ein Zwischenstopp sein. Aber als der Termin für den neuen Arbeitsbeginn auf Mallorca immer weiter nach hinten verschoben wurde, merkte ich: Das tut mir gut, dass ich hier bin, das Gefühl möchte ich nicht mehr missen. Ich bewarb mich als Vertreter für kubanische Zigarren und wurde prompt genommen, mein Traumjob. Ich weiß jetzt, wer ich bin, was ich brauche, wo ich stehe. Ich weiß, dass ich tatsächlich hier zu Hause bin. Das war das letzte Stück, das mir gefehlt hat, um sagen zu können: Jetzt bin ich komplett.

Kennen Sie sich heute, nach zehn Jahren, bereits gut genug, um sich Ihre Zukunft ausmalen zu können?

Max: Ich bin mir sicher, dass ich Kinder haben möchte. Manchmal wünsche ich mir zu wissen, wie sich etwas als Kind angefühlt hat: Weihnachten, auf dem Spielplatz zu sein, im Kindergarten. Vielleicht kommt mein Wunsch, Kinder zu haben, auch daher: das noch mal zu erleben. Oder besser: auch mal.

15-Furchtlose Bikerin: Wie ein Unfall das Leben einer jungen Frau veränderte-19.30

Quelle:  www.stern.de