Antje Voß sitzt in ihrer Praxis vor einem Ordner und zählt ausgefüllte Anmeldeformulare. „Eins, zwei, drei …“ Was sie in den Händen hält ist Papier. Geduldiges Papier. „… 16, 17, 18 …“ Doch hinter jedem dieser Zettel steckt das Einzelschicksal einer Person, die Voß um Hilfe bittet. „… 32, 33, 34.“

34 Aufnahmeanträge hat die Logopädin aktuell vorliegen, die noch nicht bearbeitet, noch nicht angenommen worden sind. 34 Menschen muss Voß vertrösten. Auf den nächsten Monat, das nächste Quartal, im schlimmsten Fall das nächste Jahr. „Ich habe einfach keine Kapazitäten mehr“, sagt sie, „und in den umliegenden Praxen ist das leider nicht anders.“ Voß weiß, wovon sie spricht. Sie ist Regionalvorsitzende des Deutschen Bundesverbands für Logopädie (dbl). „Wir haben eine Umfrage unter den Praxisinhabern in Hamburg gemacht: Ein halbes Jahr Wartezeit ist der aktuelle Standard.“DSC06692

Im Wartezimmer der Praxis „logopädie zentral“ in Hamburg-Hohenfelde sitzt Denis Novak mit seiner sechsjährigen Tochter Lilien. Das Kind leidet unter einer Spracherwerbs- und einer leichten Sprechstörung. Sie kann, um ein konkretes Beispiel zu nennen, das R nicht richtig aussprechen. Rotazismus nennen das die Experten. Damit ist Lilien nicht allein. Sieben Prozent aller Kinder im Vorschulalter leiden unter Sprachentwicklungsstörungen. Hinzu kommen 800.000 Menschen in Deutschland, die von Redeflussstörungen betroffen sind. Viele von ihnen sind Kinder, einige aber auch Schwerkranke wie beispielsweise Schlaganfallpatienten. Sie benötigen Hilfe, um besser, um wieder, um überhaupt sprechen zu können. Je nachdem, wie schwerwiegend der Fall ist.

Lilens Zettel ist aus Voß‘ Ordner verschwunden, das Kind hat endlich einen Termin bekommen. Mehrere Logopäden hatte ihr Vater vergangenes Jahr angeschrieben. Und bekam von einigen nicht einmal eine Antwort. Also versuchte er es in der Praxis von Voß – und klingelte. Die Praxisinhaberin erinnert sich noch gut an das Gespräch: „Ich musste dem Vater ins Gesicht sagen: ‚Es tut mir leid, ich kann ihrer Tochter nicht sofort eine Therapie anbieten, obwohl sie möglichst bald Hilfe benötigt.‘ Das ist am Telefon schon schwierig, aber persönlich nimmt einen das noch mehr mit.“

170 Millionen Behandlungen pro Jahr in Deutschland

Voß waren die Hände gebunden. Denn die Logopäden leiden, wie auch andere Therapeuten, unter strukturellen Problemen. Es gibt immer weniger Praxen und immer weniger Personal. Rund 28.000 logopädisch arbeitende Therapeuten in Deutschland müssen mehr als 1,7  Millionen ärztliche Verordnungen und damit über 170 Millionen Einzelbehandlungen pro Jahr stemmen. Das geht aus offiziellen Berichten der Krankenversicherungen und dbl-Angaben hervor. 2018 wurden Sprachtherapeuten von der Bundesagentur für Arbeit erstmals in die Liste der Mangelberufe aufgenommen. 146 Tage lang ist eine gemeldete Arbeitsstelle im Arbeitsfeld Logopädie durchschnittlich vakant. Es fehlt der Nachwuchs – auch weil die Bezahlung nicht wirklich attraktiv ist. 

Lisa Borrmann, 27, eine ihrer Angestellten, bekommt das monatlich am eigenen Leib, oder besser auf dem eigenen Konto zu spüren. 16 Euro brutto bezahlt Voß ihren Angestellten pro Stunde, womit Borrmann schon zufrieden ist, „weil ich von anderen Kolleginnen weiß, dass es auch deutlich weniger sein kann“. Lukrativ ist ihr Job auch deshalb nicht, weil Borrmann für ihr Studium in finanzielle Vorleistung treten musste: „Ich habe an einer privaten Universität studiert. 600 Euro Studiengebühren habe ich monatlich bezahlt, vier Jahre lang.“ Sie nahm einen Studienkredit auf, um ihren Berufswunsch dennoch verwirklichen zu können. Die heute 27-Jährige startete mit einem Schuldenberg von knapp 30.000 Euro ins Berufsleben. Borrmann sagt, dass sie „Glück hatte“, weil ihre Eltern einen Teil des Geldes vorstrecken konnten. „Dadurch versinke ich wenigstens nicht in den Zinsen und kann mir heute in Hamburg eine eigene Wohnung leisten. Ich komme schon irgendwie zurecht. Aber seien wir ehrlich: Zwei Logopäden könnten gemeinsam kaum ein Kind ernähren.“

Jeder dritte Therapeut plant den Ausstieg

2299 Euro brutto verdiente ein Sprachtherapeut laut Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage (Drucksache: 19/3749) im Jahr 2017 im Durchschnitt. Das hat Konsequenzen: Jeder vierte Therapeut ist bereits aus seinem Beruf ausgestiegen, jeder Dritte plant aktuell den Absprung. Das ergab die Studie „Ich bin dann mal weg“ der Hochschule Fresenius. Voß nennt ein konkretes Beispiel:  „In Hamburg verdienen Erzieher mehr als Logopäden – also machen viele Logopäden eine Umschulung und gehen in eine Kita.“ Deshalb engagiert sich Voß in ihrem Verband. „Es ist traurig, aber man braucht eine Lobby, man muss Politik machen“, sagt sie. Therapeuten aus ganz Deutschland trommeln zurzeit in eigener Sache. 1000 Brandbriefe sind im Rahmen der Aktion „Therapeuten am Limit“ bei Gesundheitsminister Jens Spahn eingegangen. In ihnen wird vor allem eines gefordert: eine angemessene(re) Bezahlung.

Liliens Vater sorgt sich währenddessen um sein Kind. „Zu Hause ist sie ein fröhliches, unbeschwertes Mädchen“, sagt er. Doch das Kind, das man in der Praxis erlebt, ist still, zurückgezogen, fast schon verängstigt. Sie sagt kaum ein Wort, schaut den anwesenden Journalisten nicht an, hält maximalen Abstand. „Bei großen Männern ist sie schüchtern“, sagt ihr Papa entschuldigend. Doch ganz so einfach ist es offensichtlich nicht. Das Kind agiert mit höchster Vorsicht, schaut skeptisch. Zu ihrem Vater sagt sie auch kein Wort, macht nicht einmal Geräusche. Das ist für ein Kind nicht typisch. Es sei denn, es ist verunsichert. Auch deshalb sind alle Maßnahmen bei Logopäden spielerisch angelegt, die Kinder lernen, ohne es zu merken. Für die Therapeuten ist es gerade zu Beginn einer Behandlung wichtig, Vertrauen aufzubauen. Denn Kinder mit Kommunikationsproblemen benötigen Zeit.

Zeit, die auch Geld kostet. 44 Euro bekommt Voß pro Patient und Sitzung überwiesen – für (die nicht immer ausreichenden, aber theoretisch festgelegten) 75 Minuten Arbeitszeit: 45 Minuten Therapie; 15 Minuten Vor- und Nachbereitung, 15 Minuten Organisation und Verwaltung. 44 Euro Umsatz, von denen sie ihre Angestellten ebenso bezahlen muss wie die Nebenkosten, die Miete, Versicherungen. Von ihrem eigenen Gehalt ganz zu schweigen. Borrmann weiß das und zieht deshalb den Hut vor ihrer Chefin: „Sie verdient hier am Ende des Monats mit Sicherheit nicht viel mehr als wir.“ Voß zuckt nur mit den Schultern: „Es gibt tatsächlich einige Fälle, die ich im Detail kenne, in denen die Praxisinhaber weniger Netto haben als ihre Angestellten.“ Noch in diesem Jahr soll das vom Bundestag beschlossene Terminservice- und Versorgungsgesetz für Verbesserungen sorgen, auch bei den Therapeuten. Große Sprünge wird Voß aber auch danach nicht machen können. Aktuell geht sie davon aus, dann sechs Euro mehr pro 75 Minuten Arbeitszeit zu erhalten.

„Ich kann ja nicht zehn Patienten gleichzeitig behandeln“

Manchmal frage sie sich, ob sie mehr unternehmerischen Einfallsreichtum an den Tag legen müsse, um profitabler zu werden. „Aber was soll ich denn tun? Ich kann ja nicht zehn Patienten gleichzeitig behandeln.“ Einfache Lösungen gibt es oft nicht. Weshalb in der Tat immer mehr Praxen dichtmachen, „wenn ein Inhaber in Rente geht, findet sich aktuell oft kein Nachfolger mehr“. 

Fünf Logopädinnen hat die 40-Jährige aktuell angestellt, zudem noch einen Supervisor und eine Reinigungskraft. Wenn sie eine Sache verändern könnte, wäre es die Bezahlung. „In einer perfekten Welt würde man unseren Satz verdoppeln. Dann wäre es wieder rentabel, eine Praxis zu betreiben. Angestellte Logopäden würde ein Gehalt bezahlt werden, das sie nicht in die Flucht aus dem Job treibt und es ermöglicht, nach der Geburt von Kindern in Teilzeit ordentliches Geld zu verdienen. Wäre das gewährleistet, würde es mehr Logopäden und mehr Praxen geben – und Menschen, die dringend unsere Hilfe brauchen, würden nicht mehr so lange warten müssen.“ Oft sei Zeit ein relevanter Faktor in der Behandlung: „Wenn ein zweijähriges Kind mit Sprachentwicklungsstörungen zu uns kommt, beobachte ich, dass es bei uns bleibt, bis es drei Jahre alt ist. Wenn es mit drei kommt, bleibt es womöglich ein Jahr länger – bis es fünf Jahre alt ist.“

„Die Termine hier haben Priorität für uns“

Die kleine Lilien hat von all diesen Themen keine Ahnung. Sie ist hier, weil ihre Lehrer ihren Eltern geraten haben, einen Logopäden aufzusuchen. „Mir ist einfach wichtig, dass mein Kind gutes Deutsch spricht. Das ist wichtiger als ihre Muttersprachen. Die Termine hier haben absolute Priorität für uns“, sagt ihr Vater. Der 34-Jährige ist mit seiner 42-jährigen Frau Melinda, einer Ungarin, vor zwei Jahren von Serbien nach Deutschland ausgewandert. Seine Frau ist Krankenschwester, er kellnerte und besucht eine Sprachschule, sein 21-jähriger Stiefsohn studiert momentan in Ungarn.DSC06688 

Voß versteht die Sorgen des Mannes, ergänzt aber, dass es „hier nicht um Deutschunterricht geht“. Denn: „Lilien hätte die gleichen Probleme, wenn sie nur eine Sprache sprechen würde.“

Ein halbes Jahr wird das Kind mindestens in Behandlung sein

Borrmann ist die behandelnde Logopädin von Lilien, sie kümmerte sich vor einigen Wochen um die Diagnostik. „Ich weiß ja grob, weshalb das Kind da ist, ob es eine Artikulations- oder Spracherwerbsstörung“, sagt sie. Dennoch macht man mit einem Patienten erst einige Tests, um den Gründen der sprachlichen Einschränkung auf die Spur zukommen. In Liliens Fall kommen zwei Probleme zusammen: die Lautbildung und die richtige Verwendung der Grammatik. Ein halbes Jahr wird das Kind mindestens bei Borrmann in Behandlung sein, eher noch länger.

„Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass ihre Sprache zu Problemen in der Schule führt“, sagt ihr Vater. Borrmann versteht das, in ihren Augen sind einige Patientenanträge dringender als andere: „Wenn ein kleines Kind noch nicht in die Sprache gefunden hat, dann ist das für mich wichtiger als ein Fall eines erwachsenen Menschen, der lispelt – weil das Kind im schlimmsten Fall den Anschluss verliert. Dem anderen Wartenden gegenüber ist das allerdings nicht fair.“

Wer sich spezialisiert, verdient nicht mehr Geld

Wer Borrmann zuhört, der spürt regelrecht, warum sie sich für diesen Job entschieden hat: „Ich wollte mit Menschen arbeiten und am besten Menschen helfen.“ Sie mag ihren Beruf sehr. Doch natürlich macht sie sich auch Gedanken über ihre persönliche Zukunft.

Borrmann würde sich gerne weiterentwickeln, findet beispielsweise Stimmbehandlungen bei Transgender-Fällen spannend. Doch sie weiß auch: „Die Fortbildungen muss man zum Teil selbst bezahlen – und sich dann die Frage stellen, was es bringt. Kollegen mit 20 Jahren Berufserfahrung verdienen auch nicht mehr als ich. Und die Spezialisierungswege sind einfach beschränkt, weil die Ausbildung nicht mehr zeitgemäß ist.“

Die Logopädie ist noch immer ein Beruf, der in der Regel an Berufsschulen gelehrt wird. „Damit sind wir das einzige Land in der ganzen EU, in der die Logopädie nicht in erster Linie an den Universitäten angesiedelt ist“, sagt Voß. Früher wollte man so Realschülern den Zugang zum Job ermöglichen, heute sind ohnehin 93 Prozent aller Logopäden (Fach-)Abiturienten. Borrmann sagt: „Würden alle an Universitäten ausgebildet, wäre auch Forschung möglich, was den Fachbereich weiterbringen würde.“ Doch das ist Wunschdenken. Ihre Universität hat den Studiengang mittlerweile eingestellt, weil sich jedes Jahr weniger Studenten einschreiben.

Zusätzlich zu einer moderneren Ausbildung würde sich Voß „im Optimalfall, wenn man es sich wünschen könnte“, den Direktzugang der Patienten zu Logopäden wünschen, ohne Verordnung durch Ärzte. „Auch da geschehen Dinge, die aus unserer Sicht einfach keinen Sinn ergeben.“ Ein Beispiel: stotternde Menschen. „Die müssen immer zum Arzt und der muss mit ihnen einen Hörtest machen. Weil das festgelegt ist. Was für beide Seiten eine Zumutung ist, weil stotternde Menschen meist nichts mit den Ohren haben. Da wird Geld und Zeit verschwendet.“ Borrmann kennt das auch: „Manchmal kommen Rezepte, da sind Diagnosen nicht richtig notiert. Oder Patienten, die wirklich noch dringend eine weitere Behandlung benötigen, erhalten keine neue Verordnung vom Arzt. Das tut schon weh.“

„Da ist nicht immer alles easy“

Grundsätzlich aber, das sagt Borrmann im Gespräch immer wieder, genießt sie ihren Job. „Wenn etwas funktioniert hat, gehe ich zufrieden nach Hause. Wenn eine Entwicklung zu sehen ist; sich ein Kind plötzlich helfen lässt, das bisher nicht mit mir kommunizieren konnte; oder wenn ein Patient von der Sonde entwöhnt wurde, weil die Schluckbeschwerden überwunden sind.“ Was nichts daran ändert, dass ihr Alltag anstrengend sein kann. „Natürlich ist nicht immer alles easy. Man erlebt schon auch Probleme und Tragödien.“ DSC06695

Ihre Arbeitstage an einer Schule für Menschen mit geistiger Behinderung sind dabei besonders intensiv: „Das fordert auch körperlich, da ist man durchaus erschöpft am Ende des Tages.“ Nach Tagen in der Praxis sei das ein anderes Gefühl. „Nach acht, neun Patienten an einem Tag fühle ich mich manchmal, als seien meine Worte alle.“ Nach Feierabend steigt sie in die U-Bahn, verzichtet danach bewusst auf den Bus und geht die 20 Minuten zu ihrer Wohnungstür zu Fuß. Einfach, um den Kopf wieder freizubekommen. „Das klappt meistens auch gut, auch wenn einem einige Fälle schon sehr nahegehen“, sagt sie. Und doch hat sie noch nie darüber nachgedacht hinzuschmeißen.

Ihre Chefin tickt da ähnlich: „Ich liebe diese Arbeit. Ich möchte sie unbedingt weitermachen. Aber ich kann es mir eigentlich nicht mehr leisten. Ich muss befürchten, dass meine Tochter mich im Alter finanziell unterstützen muss, weil meine finanzielle Versorgung im Alter für die Zukunft nicht reichen wird.“ Voß schaut auf, atmet einmal durch. Und sagt dann etwas, das wie eine letzte Warnung klingt: „Es muss sich nun endlich etwas ändern. Denn wenn sich nichts ändert, haben wir in einigen Jahren nicht mehr genügend Logopäden, um für alle Menschen da zu sein, die Hilfe benötigen.“

Menschen wie Lilien – die es aktuell nicht einfach hat, doch schon bald ohne hörbare Probleme sprechen können wird – davon ist Borrmann überzeugt: „Ich glaube fest daran, dass wir das hinbekommen. Dafür bin ich, dafür sind wir Logopäden ja da.“Hirschhausen Klimaaktivisten

Quelle:  www.stern.de